Was „Neue Arbeit – Neue Kultur“ tatsächlich bedeutet

 

Von Kaufbeuren nach Kuba

 

Mit Andy Mayer treffen Annegret und ich uns in einem Café in München. Dabei wäre ein Biergarten wohl passender gewesen. Denn Andy hat mal Brauereiwesen studiert – in Weihenstephan. Und anschließend International Business in Pforzheim und an der USC Columbia/USA.

 

Mit diesen Voraussetzungen standen dem gebürtigen Allgäuer alle Türen zu einer großen Karriere offen. Er ging hindurch – und startete im damals größten Brauerei- und Getränkekonzern Deutschlands. Er bereiste für zwei weitere globale Konzerne fast die ganze Welt und war das, was man „erfolgreich“ nennt.

 

Wie das so ist im Leben: es geht auch mal bergab. „Ich wurde vom Vorstandsvorsitzenden meiner letzten Firma an meinem Chef vorbei befördert, und das konnte er natürlich nicht zulassen“, erzählt Andy, und man merkt ihm seine Frustration noch ein klein bisschen an. „Kurzerhand wollte er mich loswerden, glücklicherweise mit einem Aufhebungsvertrag und entsprechender Abfindung.“

 

Da gleichzeitig auch privat eine große Veränderung, nämlich eine Scheidung, anstand, nutzte Andy die Chance, seine Zelte in Deutschland abzubrechen. „Ich siedelte 1999 nach Kuba um, dort lässt es sich gut und günstig leben, die Menschen sind noch Menschen und die Sonne scheint jeden Tag“, so Andy, nun mit leuchtenden Augen.

 

Die Suche nach der Neuen Arbeit

 

Kuba stellte sich tatsächlich als ideale neue Heimat heraus. Bald entdeckte Andy dort die einzige kubanische Steel-Drum-Band und wurde deren Manager. Andere Bands folgten, es kamen Einladungen von europäischen Hotelketten und so tat Andy das, was er vorher auch schon tat: er eroberte die Welt, dieses Mal nicht mit Bier sondern mit Musik.

 

Von Anfang an war Andy im neuen Lebensabschnitt auf der Suche, nach einer besseren, neueren Art zu arbeiten. Seine extremen Erfahrungen hatten ihn sehr geprägt und er war sicher: „Da muss es was anderes geben.“ Erst im Jahr 2014 entdeckte er das Buch „Neue Arbeit – Neue Kultur“ von Frithjof Bergmann. „Ich habe es regelrecht verschlungen und war so dankbar, dass ich das Buch und Frithjof gefunden hatte.“

 

Andy setzte sich hin und formulierte einen Brief an Frithjof, den er per E-Mail verschickte. „Ich habe 2 Wochen gebraucht, um das in Worte zu fassen, was ich sagen wollte. Als Betreff habe ich geschrieben Ministerium für Neue Arbeit auf Kuba.“

 

Frithjof Bergmann war schneller: Noch in derselben Nacht antwortete er – und das war der Beginn einer engen Zusammenarbeit, aus der eine Freundschaft geworden ist.

 

Ganz und gar nicht alternativlos

 

Seither arbeiten Andy und Frithjof gemeinsam mit weiteren Kollegen intensiv daran, New Work Global zu etablieren. Und zwar wirklich, wirklich New Work, so wie es Frithjof seit den 1970ern praktiziert.

 

1984 gründete er mit seinem Team das erste Zentrum für Neue Arbeit in der Stadt Flint, die – noch mehr als Detroit – von Autofabriken beherrscht wurde. Und so hing auch das Leben der Einwohner von diesen ab. General Motors wollte Anfang der 80er Jahre die computergestützte Produktion einführen. Das New-Work-Team schätzte den Wegfall der Arbeitsplätze damals auf 50 Prozent ein, was sich später sogar als zu positiv herausstellte.

 

Mit durchdachter Öffentlichkeitsarbeit wurde das erste Zentrum für Neue Arbeit als Alternative zu Entlassungen vorgestellt. Das Hauptargument: Wenn die eine Hälfte der Stadt arbeitslos würde und die andere Hälfte zunehmend Druck bekäme und Überstunden machen müsste, reiße das eine Schlucht mitten durch die Stadt.

 

Alternativ schlug Bergmann etwas Radikales vor: die Arbeit sollte nicht vertikal geteilt werden, sondern horizontal – und zwar behutsam und ohne Kampf. Jeder Arbeiter und jede Arbeiterin sollte 6 Monate in der Fabrik arbeiten und die anderen 6 Monate des Jahres etwas Interessantes und Aufregendes tun. Es sollte also in Flint „zwei Arten von Arbeit“ geben.

 

Um es kurz zu machen: Das Experiment gelang. Und zwar auch deshalb, weil Bergmann und sein Team nicht locker ließen, den Menschen zu helfen, herauszufinden, was sie wirklich, wirklich wollten. Und das war in den meisten Fällen halt nicht, am Fließband irgendwelche wiederkehrenden Handgriffe zu verrichten.

 

Die Männer und Frauen kamen immer wieder zum selben Punkt: Die Talente, die sie hatten, interessierten die Autohersteller zunächst nicht. Für ihren Arbeitgeber waren sie einfach nur Arbeitskräfte. Sie waren sicher: Dem Unternehmen ginge es viel besser, wenn man ihre Begabungen erkennen würde und sie sich zunutze machen würde. Die „Missachtung ihrer Talente“ demütigte und lähmte sie.

 

Ein Gedankenexperiment um die Kohle

 

Was würden wohl die Arbeiter in den Kohle-Regionen sagen, deren Arbeitsplätze durch die Schließung der Kohlekraftwerke wegfallen werden? Würden sie diese „sanfte“ Alternative ernst nehmen und nutzen? Denken sie auch, dass sie Talente haben, die ungenutzt bleiben? Könnte der Kohleausstieg dadurch schneller über die Bühne gehen, ohne dass das Argument „Arbeitsplätze“ zählt? Und was sagen die Politiker dazu?

 

Es ist definitiv einen Versuch wert und könnte unser Verhältnis zur Arbeit in Deutschland ganz praktisch auf die Probe stellen. Was gibt es zu verlieren? Wir haben da mal was angestoßen und bleiben dran!

 

Es geht um uns alle – und ums System

 

Andy gibt offen zu: „Frithjof und ich haben immer wieder das Gefühl, dass viele, die über New Work reden oder schreiben, Frithjofs Buch nur überflogen haben. Oder sie haben es gar nicht gelesen. Das ist schade, denn das Buch gibt eine ganz konkrete Anleitung, wie wir Neue Arbeit wirklich, wirklich leben können.“

 

Es kann auch sein, dass einige, die das Buch gelesen haben, das Gesamtkonzept noch nicht verstehen, dadurch überfordert sind und sich fragen: „Wie soll ich denn da hin kommen? Was kann ich denn überhaupt machen?“ Also tun sie nichts.

 

Oder sie definieren Neue Arbeit (New Work) einfach so, wie es leichter geht: Man schraubt ein bisschen rum, macht Dinge hübscher und angenehmer und versucht so, die „milde Krankheit Arbeit“, wie Bergmann es nennt, irgendwie auszuhalten – so wie eine Erkältung, die immer latent da ist. All die Ideen, die man heute hat, wie zum Beispiel 4-Tage-Woche, flexibles und agiles Arbeiten, schicke Büros, bezeichnet Bergmann gerne als „Lohnarbeit im Minirock“.

 

Man kümmert sich damit nämlich nur um die Symptome, nicht aber um die Ursache der „milden Krankheit Arbeit“. Denn: die Ursache liegt, wie so oft, im System. Und ein System zu ändern, davor haben viele Angst. Die Geschichte zeigt, dass das häufig nur per Revolution geschafft wurde – und dass das Ergebnis nicht immer so war wie gewünscht – zumindest nicht nachhaltig.

 

„Die Neue Arbeit nützt dem Kapitalismus nicht“, spricht Andy es deutlich aus. „Denn wer investiert schon in ein besseres Leben der Menschen, wenn sich das auf den ersten Blick wirtschaftlich nicht rentiert? Wir glauben deshalb, dass Neue Arbeit auf sozialem Grunde besser fußt.“

 

#NewWorkForFuture

 

„Als Frithjof als Philosophie-Professor vor rund 40 Jahren begann, sich mit dem Thema Arbeit intensiv zu beschäftigen, erklärten ihn seine Uni-Kollegen für verrückt und rieten ihm dringend davon ab“, weiß Andy. „Doch Frithjof ließ sich nicht davon abbringen. Seine fast 2 Jahre Erfahrung als Selbstversorger im Wald von New Hampshire hatten ihn tief geprägt. Er erkannte, dass Arbeit unendlich ist. Und dass sie den Menschen dienen sollte, nicht umgekehrt.“

 

„Arbeit kann uns verkrüppeln und uns sogar umbringen, aber das ist nur eine Möglichkeit. Arbeit vermag uns auch Energien zu schenken, die zu besitzen wir uns nie hätten träumen lassen…“

 

Neue Arbeit ist also Arbeit, die sinnvoll und belebend ist und bei der Menschen ihre Gaben und Talente einsetzen können.

 

Es ist die „Lohnarbeit“, die anscheinend begrenzt ist. Zumindest hören und lesen wir das täglich irgendwo: Arbeitsplätze sind knapp und werden noch knapper, besonders durch die Digitalisierung.

 

Arbeit, andererseits, ist genügend da. Alle, die einen Haushalt führen, Kinder erziehen, Familienangehörige pflegen, einen Garten haben oder in der Landwirtschaft tätig sind, wissen das. Auch all die ehrenamtlich Tätigen und diejenigen, die ein Unternehmen gründen und die anfängliche „Durststrecke“ kennen lernen, in der man oft wenig Geld verdient, arbeiten viel und gerne. Ihre Arbeit verleiht ihnen Sinn, ist wertschöpfend, liefert Ergebnisse und hilft anderen. Sie ist wertvoll, auch wenn sie nicht (ausreichend) bezahlt wird.

 

„Das Ziel der Neuen Arbeit besteht nicht darin, die Menschen von der Arbeit zu befreien, sondern die Arbeit so zu transformieren, damit sie freie, selbstbestimmte menschliche Wesen hervorbringt.“

 

Bergmann erkannte schon sehr früh, dass das System, das mit der Industrialisierung Einzug hielt, keine menschenfreundliche Zukunft hat. In seinem Buch verwendet er das Bild eines Zuges, in dem wir alle sitzen, und der keinen Zugführer hat, um die Fahrt zu kontrollieren. Der Zug rast mit immer höherer Geschwindigkeit bergab und lässt sich nicht bremsen. Die Türen und Fenster sind verriegelt und wir wissen, dass wir keine Chance haben, auszusteigen. Nackte Panik macht sich breit – wie in einem Hitchcock-Film.

 

Wenn es also die Lohnarbeit ist, die der Fehler im System ist, was können wir alle tun, um die Neue Arbeit gemeinsam zu schaffen?

 

Diese Frage brennt mir unter den Nägeln, und Andy hat Antworten:

 

  • Das Buch Neue Arbeit – Neue Kultur lesen. Es liefert Antworten zu drängenden Fragen, sowohl unseren Planeten als auch unsere Gesellschaft betreffend, und gibt sehr viel Hoffnung.

Info: Das Buch gibt es ab Herbst 2019 endlich auch auf Englisch und soll so bald wie möglich auch ins Russische übersetzt werden.

  • Über New Work im passenden Kontext sprechen, Menschen informieren und sie dazu inspirieren, über den Tellerrand der hippen Begriffe hinaus zu schauen.
  • Bei der Erstellung der Website newwork.global mitwirken, zum Beispiel durch Übersetzen der Inhalte in diverse Sprachen.

Info: Die Seite gibt schon jetzt einen sehr kleinen Überblick, was New Work wirklich, wirklich ist und soll im Herbst 2019 mit etwas mehr Inhalt live gehen.

  • Die Gründung eines Zentrums für Neue Arbeit in Deutschland initiieren und/oder unterstützen.

Info: Es gibt aus der Vergangenheit noch ein paar solcher Zentren. Mit einem neuen Modell könnte der Grundstein für eine „New-Work-Mentoren-Akademie“ gelegt werden, die es dann in vielen Städten gibt.

  • Für New Work Global Kontakte zu Politikern, der Presse oder zu engagierten Macherinnen und Machern herstellen.

Hast du zum Beispiel einen direkten Draht zu Tilo Jung von Jung und Naiv oder zu Arbeitsministerien in (Bundes-)Ländern?

  • Bei dir selbst beginnen: Zu erkennen, dass du dich selbst (noch) nicht vollkommen kennst, ist der erste und wichtigste Schritt. Sieh und spür dich selbst und akzeptiere dich ganz. Wenn du sukzessive herausfindest, was du wirklich, wirklich willst, wird es dir leichter fallen, dein Leben „außerhalb des aktuellen Systems“ zu gestalten. Andere werden dir folgen, und du kannst sie dabei unterstützen, sich selbst besser kennen zu lernen.

 

„Frithjof freut sich über jeden weiteren Ansatz (egal, in welchem Land), den Menschen genau diese Unterstützung zu geben“, bestätigt Andy Mayer und fügt hinzu: „Die Menschen sind so geil, und Frithjof und ich haben die Hoffnung, dass wir den Funken in den Menschen entzünden können.“

 

Was Andy und Frithjof noch vorhaben: New Work Global

 

An dem Tag, als wir Andy Mayer treffen, wird Frithjof Bergmann nach mehr als 3 Monaten Klinikaufenthalt endlich nach Hause entlassen. Seit seinem 88. Geburtstag an Weihnachten war er auf medizinische Betreuung angewiesen. Doch jetzt ist er wieder voller Tatendrang, sein Geist ist sowieso unglaublich aktiv.

 

Frithjof fokussiert sich nun darauf, sein New-Work-Konzept als New Work Global weltweit bekannter zu machen – zusammen mit Andy und dem Team. In den USA und in Russland beginnen die Samen zu keimen – und wir können hier in Europa dazu beitragen, dass der gute Same auch hier aufgeht.

 

Machst du mit?

 

– fragt deine Komplizin Gaby Feile

 

PS: Andy und ich hätten uns schon 2017 bei der XING New Work Experience begegnen können. Es brauchte jedoch noch eine Weile, bis Andy mein Resümee „Die Wahrheit über New Work“ entdeckte und mich kontaktierte.

Foto: Gaby Feile

Über Andy Mayer:

Andy lebte viele Jahre auf Kuba und in der Karibik. Seit seiner Freundschaft und gemeinsamen Arbeit mit Frithjof Bergmann allerdings in München, sodass man ihn dort auch persönlich treffen kann. Er versucht mittels New Work Global eine weitreichendere, viel größere Bekanntheit der Philosophie und die Realisierung der Vision zu erreichen und ist somit quasi Frithjof Bergmanns Kommplize.

Andy ist offen für Kontakte zu wirklichen New-Work-Unterstützern, sei es aus Politik, Wirtschaft, Medien oder Gesellschaft. Kontaktiere ihn direkt über die Website, wenn du mehr wissen oder konkret etwas tun willst:

Zur Website von New Work Global

 

Über Frithjof Bergmann

Der Philosoph Frithjof Bergmann wurde in Sachsen geboren und wuchs in Österreich auf. Freiheit war schon immer sein Hauptantrieb. Schon mit 19 Jahren wanderte er nach Amerika aus und führte ein bewegtes Leben, in dem er alle möglichen Formen der Arbeit kennenlernte. Er hat seit den 1970er Jahren Unternehmen, Regierungen, Gewerkschaften und Kommunen zur Zukunft der Arbeit beraten und außerdem Projekte mit Jugendlichen und Obdachlosen in unterschiedlichen Ländern erfolgreich umgesetzt.

Frithjofs Interview bei der New Work Experience 2017: Armut der Begierde – Was willst du wirklich wirklich

Frithjofs Interview bei der New Work Experience 2018: Was ist authentisches New Work – Wie funktioniert High-Tech-Self-Providing (privater 3D-Druck), zusammen mit Andreas Gebhardt, FH Aachen, Wer wirklich bewegt in Unternehmen

Podcast: On the way to New Work 2019: Rundumschlag und Überraschendes

 

Über den Klub der Kommplizen:

Sobald echte Kommplizinnen und Kommplizen zusammen kommen, passiert etwas Magisches: Ihre Talente, ihre Beherztheit und ihre Schaffensfreude verschmelzen. Sie vollbringen Dinge, die atemberaubend und weltbewegend sind. Und zum Nachmachen Lust machen.

Alles zum Klub der Kommplizen 

Teile diesen Beitrag, wenn er dir gefällt: