Wie man in Unternehmen ökologisch handelt

 

Tim Weinert kommt gerade frisch aus Indien zurück, wo er in einem Dorf in Westbengalen ein Sportprojekt gestartet hat. Zukünftig wird es dort Fußballtrainings für Mädchen und Jungs geben. „Das erdet einen schon sehr“, so Tim, der ziemlich entspannt wirkt, als wir uns per Skype treffen. Und er macht klar: „Das CO2, das meine Flüge verursacht haben, habe ich natürlich über Atmosfair kompensiert.“

 

Dass er rund einen Monat in Indien verbringen konnte, hängt auch damit zusammen, dass er vor kurzem seinen Job beendet hat. Als wir uns im Oktober 2018 auf einem Kongress in Stuttgart trafen, zeichnete sich das schon ab. Ich hörte raus, dass Tim „einer von uns ist“ – ein Macher. Also jemand, der viel zu erzählen hat. Und wie viel!

 

Neben seiner Verbindung zu Indien erzählte mir Tim von seiner Pionierarbeit beim Stuttgarter Unternehmen pmX. pmX steht für Projekte – Menschen – Expertise, folglich unterstützt das Team aus „mutigen Andersdenkern“ Unternehmen bei herausfordernden Projekten mit ihrer Expertise. Konkret heißt das, die pmXler (so nennen sich die Mitarbeiter, sonstige Titel gibt es übrigens nicht) werden bei ihren Kunden aktiv und stellen ihr Können vor Ort über einen bestimmten Zeitraum zur Verfügung.

 

Kleines Büro – großartige Kaffeemaschine

 

Tim gehörte von Anfang an zum Team und hat pmX von Grund auf mitgestaltet, auch ganz praktisch. Obwohl das Büro recht klein ist, da die pmXler ja in der Regel außer Haus arbeiten, war klar: eine Kaffeemaschine wird gebraucht. Tim, der für seine nachhaltige Einstellung bekannt ist, hat sich darum gekümmert und gleich mal ein Zeichen gesetzt: statt einer Maschine mit großem Namen und Alu-Kapseln, wählte Tim einen Vollautomaten aus, der mit fair gehandeltem Kaffee von Coffee Circle funktionierte. „Das zahlte sich finanziell und ökologisch voll und ganz aus!“ freut sich Tim noch heute.

 

Wirtschaften innerhalb sozialer und ökologischer Grenzen

 

Und weil es mit der richtigen Kaffeemaschine noch lange nicht getan ist, gründete Tim mit ein paar Kollegen eine Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit. Er selbst war „nur“ Mitglied und überließ die Führung bewusst anderen, damit diese selbst entscheiden konnten, wie weit sie gehen wollten. Das schmälerte Tims Engagement keineswegs.

 

„Begonnen haben wir mit einer Umfrage“, erinnert sich Tim. „Wir stellten den Kollegen die Fragen: Was ist Nachhaltigkeit? Was machen wir dafür? Was wollen wir machen?

 

So wurde ein gemeinsames Verständnis erreicht und die Aufmerksamkeit auf nachhaltige Themen gelenkt. Ganz schnell klappte es dann, den Stromanbieter zu wechseln, um grünen Öko-Strom zu beziehen. Auch den Laptop-Hersteller wechselten die pmXler und wählten einen, den Greenpeace in seinem Index zumindest „weniger negativ“ bewertete.

 

„Im Elektronikbereich ist es noch relativ anspruchsvoll, nachhaltige Produkte zu beziehen – leider“, bedauert Tim. „Aber man kann zumindest das kleinere Übel wählen.“

 

Nachhaltigkeit Danke

 

Spenden statt Schenken

 

Als Weihnachten nahte, kam die Frage auf: Was schenken wir unseren Kunden? In der Branche ist es üblich, Wein oder Ähnliches zu verschenken. Bei pmX entschied man sich, dank der Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit, für einen anderen Ansatz:

 

„Wir wollten spenden statt schenken und haben deshalb wieder alle MitarbeiterInnen gefragt, welche Projekte sie gerne unterstützen wollten. Von den Vorschlägen haben wir drei ausgesucht und haben dann unsere Kunden einbezogen – und zwar ganz persönlich, durch Postkarten, die wir bei ihnen abgegeben haben.“

 

Die Karten waren bereits frankiert und mit ihrer Hilfe konnten die Kunden entscheiden, welches Projekt sie favorisierten. Die Rücklaufquote war sehr hoch, bis zu 75 % der Adressaten machten mit. Die festgelegte Spendensumme wurde dann entsprechend der Stimmen verteilt, sodass kein Projekt leer ausging. Natürlich wurden die Kunden danach wieder persönlich über die Ergebnisse und Aktionen informiert. Tim führt aus:

 

„Spenden alleine ist schon toll, aber noch großartiger war es, dass wir die Kunden einbezogen haben und auch wir Kollegen uns aktiv eingebracht haben.“

 

Das heißt, es wurde nicht einfach nur Geld gespendet, sondern die pmXler haben sich selbst aktiv engagiert. So haben sie zum Beispiel einen Strategie-Workshop auf Pro-bono-Basis durchgeführt. Und ein Kollege hat eine Excel-Tabelle programmiert, die den Mitarbeitern einer Organisation die Arbeit sehr erleichtert hat, als diese Spendenbescheinigungen für ihr Crowd Funding ausstellen mussten.

 

Der Kreis schloss sich, als die MitarbeiterInnen der unterstützten Organisationen ins Teammeeting zu pmX kamen, um sich persönlich und direkt zu bedanken.

 

Solche Aktionen sind ein Rundum-Paket, bei dem viele gewinnen: die Organisationen, die damit ihren Zweck besser erfüllen können. Die Kunden, weil sie wirklich das Gefühl haben, etwas beizutragen, und die Mitarbeiter, weil sie, wenn sie wollen, ganz aktiv etwas leisten können. Ist das nicht der wahre Zweck von Weihnachten (oder vom Leben)?

 

 

Nachhaltigkeit

East Side Gallery, Berlin

 

 

Mister Nachhaltigkeit

 

Ganz so rund lief es natürlich nicht immer. Besonders am Anfang musste sich Tim schon so einiges anhören von den Kollegen. Sie machten sich oft einen Spaß daraus, ihn ganz genau zu beobachten und ihn zum Beispiel damit zu konfrontieren, dass er das Licht nicht immer ausmachte.

 

„Da muss man schon ein dickes Fell haben“, grinst Tim und verrät: „Ich verwirre Menschen gerne, damit sie es sich nicht zu einfach machen mit dem Schubladendenken.“

 

Wie er das denn macht, will ich natürlich wissen. Und erfahre, dass Tim, obwohl er sich vegan ernährt, hin und wieder auch mal Fleisch isst – öffentlich! Dazu sagt er: „Es geht mir darum, den Menschen zu zeigen, dass man nicht ins Extreme gehen muss, wenn man nachhaltig lebt. Schließlich bin ich kein Veganer, ich ernähre mich vegan. Das ist ein Unterschied, wie ich finde.“

 

Trotzdem ist es wichtig, ein gutes Beispiel zu sein und nichts von anderen zu verlangen, was man selbst nicht tut. Auf die Frage: „Machst du das selbst so?“ muss man natürlich mit Ja antworten können. Nur so ist man glaubwürdig. „Mit Verboten läuft übrigens gar nichts“, stellt Tim klar. „Ich mache Angebote und lasse den Menschen die Wahl, ob sie sie annehmen.“

 

Wie steckt man andere an?

 

Ganz am Anfang hat Tim ein paar Kollegen identifiziert und sie ins Boot geholt. Dank Führungskraft, die Tim eindeutig hat, gelingt so etwas. Daraus entstand dann die Arbeitsgruppe Nachhaltigkeit. „Unser Geschäftsführer hatte ziemlich gute Antennen dafür, was Menschen wollen und hat uns machen lassen. Das ist natürlich eine wichtige Voraussetzung.“

 

Nach und nach zeigten sich die ersten positiven Folgen des nachhaltigen Wirtschaftens. Tim denkt zurück: „Einmal gab es eine kleine Geldprämie fürs Team, als wir ein Ziel erreicht hatten. Sie war eigentlich zum „auf den Kopf hauen“ gedacht, aber schnell kam der Vorschlag, das Geld zu spenden. Das fanden aber nicht alle gut, und so fand sich schließlich ein Kompromiss: Wir tranken unser Bier im Weltladen-Café und unterstützten so mit unserem Konsum einen guten Zweck!“

 

Auch die jährlichen firmeninternen Strategie-Workshops wurden irgendwann genauer unter die Lupe genommen. Diese fanden meist an besonderen Orten statt, die man in der Regel mit dem Flieger erreichte. Natürlich wurde das CO2 kompensiert, aber irgendwann wurde beschlossen: Es gibt auch im Umkreis von Stuttgart coole Orte, die wir ohne Flugzeug erreichen können. Denn, so drückt es Tim ganz drastisch aus:

 

 „Fliegen ist die effizienteste Art, den Planeten zu zerstören.“

 

Langer Atem und echte Motivation

 

Tim ist sich im Klaren, dass Nachhaltigkeit sehr langlaufend ist. Da rechnet man in Jahren und Jahrzehnten – so wie die Förster das schon immer tun, die die Nachhaltigkeit quasi „erfunden“ haben. Und weil Tim und seine Kollegen all diese Aktivitäten zusätzlich zu ihrem „normalen“ Job machen und machten, ist zudem richtig viel Ausdauer nötig. Meine logische Frage an Tim lautet deshalb:

 

Warum machst du denn solche Dinge, obwohl du dafür deine Freizeit „opferst“?

 

Tim überlegt nicht lange und antwortet: „Ich bin persönlich von nachhaltigem Verhalten überzeugt und tue das gerne. Es macht Freude und es fühlt sich nicht wie Mehrarbeit an. Man nennt das wohl intrinsische Motivation.“

 

Und genau das strahlt Tim in diesem Moment ganz deutlich aus: er macht es von Herzen gerne und weil er einen Sinn darin sieht. Was nicht heißt, dass man so etwas auf Dauer ohne Ergebnisse – und ohne Wertschätzung – macht. Tim fasst es so zusammen:

 

„Bei den Kundenprojekten, die wir machen, sehen wir oft nur ganz langsam oder nie Ergebnisse. Das sind langfristige Projekte, und wir spielen dabei oft nur eine kleine Rolle.
Die Themen, die ich für unser eigenes Unternehmen angegangen bin, haben hingegen viel schnellere Ergebnisse und Erfolge gezeigt. Die Reaktionen der Menschen kamen oft sehr direkt, und Dankbarkeit war die häufigste!“

 

Mehr Erklärung braucht es wirklich nicht

 

– findet deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Gibt es einen Grund, nichts für den Planeten und seine Bewohner zu tun?

 

Fotos: Gaby Feile (2), unsplash.com (1)

 

Über Tim Weinert:

Tim, der sich gerade selbstständig macht, hat bei pmX auch die Personalthemen verantwortet – X-Evolution nannte sich der Bereich. Und er war Teil des Führungskreises X-Business. Dort hat er so Dinge wie partizipative Unternehmensführung ausprobiert und unter anderem gelernt, wie man fairere Gehaltsmodelle einführt und welche Voraussetzungen dafür gegeben sein müssen. Und er hat bei der Mitarbeiterauswahl Methoden jenseits von Algorithmen eingesetzt, nämlich menschliche. Nur so kann man authentisch und ehrlich sein.

In seiner Selbständigkeit möchte Tim Unternehmen zu den Themen Organisationsentwicklung und Nachhaltigkeit beraten.

Wer Unternehmen kennt, die Tim unbedingt kennen lernen sollten, stellt am besten den Kontakt her:

Tim auf XING

Tim auf Twitter

 

Über den Klub der Kommplizen:

So wie in der Nationalmannschaft, kommen im Klub der Kommplizen begabte Macherinnen & Macher aus verschiedenen Unternehmen zusammen. Ihre Mission: Unternehmen zu Lieblingsplätzen für alle zu machen.

Alles zum Klub der Kommplizen

 

 

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