Dieses Jahr gewinnen wir!

Ein Gastbeitrag von Jörg Knippschild

 

Wir schreiben das Jahr 2009. Ich war damals für die technische Vertriebsunterstützung bei der Firma Adobe Systems GmbH mit Sitz in München für Deutschland, Österreich und die Schweiz (DACH) zuständig und führte zu diesem Zeitpunkt ein Team von insgesamt 25 Mitarbeitern.

Jeweils zehn davon berichteten an zwei Manager in Deutschland und in der Schweiz, der Rest hatte eine direkte Berichtslinie zu mir.

Ein kurzer Exkurs: Das Geschäftsjahr von Adobe endet immer im November, weshalb jeweils im Dezember das weltweite „Wir starten das neue Jahr mit viel Elan!“-Meeting statt-findet. Natürlich in Las Vegas, wo sonst?

In der Regel sind es drei vollgepackte Tage mit Workshops, ausgewählten Trainingseinheiten, einer Party mit Gala Dinner und einer Demo Challenge.

 

Du fragst dich sicherlich „Was ist bitte eine Demo Challenge?“

 

Eigentlich könnte man es auch Team Challenge nennen, denn hier tritt die weltweite technische Community gegeneinander an.

Die Teams messen sich mit individuellen Lösungen, die sie im abgelaufenen Geschäftsjahr für ihre Kunden entwickelt haben und präsentieren sie den rund 2.500 Anwesenden. Hier geht es darum, wer die beste Kundenlösung entwickelt hat, die zusätzlich auch für das Unternehmen lohnenswert war.

Ein Blick auf die Historie zeigte, dass 2008 das Team aus Frankreich und 2007 das Team aus Großbritannien gewonnen hatte.

Nach meinem Geschmack war es jetzt an der Zeit, dass wir als DACH Region in diesem Jahr diese Challenge gewinnen und „den Pokal nach Hause tragen“.

Zurück zum eigentlichen Thema: Ich hatte plötzlich eine Mission, einen Auftrag. Ich wollte den Sieg. Für mein Team, für UNS!

Immer freitags von 10 – 11 Uhr hatten wir unseren Team Call. Wir trafen uns in einer virtuellen Konferenzschaltung und diskutierten über die Themen der Woche.

Ich erinnere mich noch genau daran, dass ich mein Team in unseren ersten Team Call im Juli 2009 mit der folgenden Frage überraschte: „Was machen wir eigentlich dieses Jahr für die Demo Challenge im Dezember?“ Lasst uns doch mal Ideen sammeln.“ Betretenes Schweigen. Ich konnte förmlich durch das Telefon sehen, wie der eine oder andere bei dem Gedanken an die zusätzliche Arbeit für die Vorbereitung die Augen verdrehte. Die Spannung war spürbar.

Ich ließ einige weitere Sekunden verstreichen. Stille hing in der Luft und man hätte eine Stecknadel fallen hören können. Ich ließ diese Stille einfach zu und wartete. Ich wartete bewusst auf eine Reaktion des Teams.

Ehrlicherweise muss ich zugeben, dass Euphorie anders aussieht, aber der erste Schritt meiner Mission war gemacht.

Wir verständigten uns darauf, dass wir die Ideen in den nächsten 14 Tagen zunächst sammeln wollten. In dem darauf folgenden Meeting wollten wir dann gemeinsam die besten drei Ideen diskutieren und uns dann auf die eine, DIE Idee, einigen.

Erleichterung machte sich im Call breit. Jeder dachte offensichtlich: „Puh, der Kelch ist noch mal an uns vorbeigegangen.“

 

Ignorieren nützt nichts

 

Tja, doch da hatten sie die Rechnung ohne den Wirt, sprich ohne mich, gemacht. Denn schließlich hatte ich ja eine Mission!

Zwei Wochen verstrichen. Das Thema wurde aktiv tot geschwiegen und es gab wenig Resonanz.

Im nächsten Freitags-Call nahm ich dann das Thema wieder auf und erklärte meinem Team, dass ich es zu einer „JWD“, einer „Jörg will das“- Aufgabe deklariere, und wir jetzt maximal darüber diskutieren könnten, WAS wir machen, aber nicht darüber, OB wir es machen.

Nach einem kurzen Moment der Irritation kam dann aber tatsächlich Bewegung in die Geschichte. Auch deshalb, weil meine Mitarbeiter plötzlich doch mit Ideen um die Ecke kamen und ebenfalls der Meinung waren, dass wir es zumindest probieren sollten.

Wir hatten ja schließlich nichts zu verlieren!

 

BÄM! Die ersten waren angezündet. Mission part one completed.

 

In den nächsten Wochen einigten wir uns dann auf den Kunden, das Thema und auch grob auf den Inhalt und Ablauf unserer Demo.

Ich bemerkte bei vielen meiner Mitarbeiter einen Wandel.

Sie fingen an, Spaß an der Idee zu haben. Wir entwickelten das Storyboard, synchronisierten dieses mit der Demo, die wir zeigen wollten und wählten unsere zwei Protagonisten aus. Diese beiden sollten unsere Geschichte live auf der Bühne in Vegas, vor 2.500 KollegInnen, aufführen. Wow!

Gemeinsam arbeiteten wir hart und mit viel Hingabe, feilten an den Ecken und Kanten, und jeder half jedem.

Wir dachten über Backup-Szenarien nach, falls die Technik ausfallen sollte, und probten den Auftritt immer und immer wieder in unterschiedlichen Konstellationen. Wir waren heiß. Heiß auf den großen Auftritt. Und auf den Sieg.

Die Deadline für die Abgabe des Beitrages rückte immer näher. Wir kamen zwischendurch zwar immer mal wieder ins Schwitzen, schafften die Abgabe aber „just in time“.

 

Jetzt begann die Zeit des Wartens

 

Der Abgabetermin Ende September war in diesem Jahr recht früh – immerhin mehr als zwei Monate vor der weltweiten Veranstaltung.

Warten. Beinahe unerträglich. Das letzte Mal habe ich mich bei der Geburt meiner Tochter Carlotta so gefühlt. Dieses Gefühl, wenn du weißt, dass es losgeht und du selbst nichts tun kannst, außer abzuwarten, bis die Hebamme dir sagt, dass dein Kind da ist.

Aber warten gehört nun einmal dazu.

In der Regel gab es meist mehr als 10 Einsendungen von Teams aus der ganzen Welt und eine Jury bewertete diese nach einheitlichen Kriterien. Die besten drei Teams dürfen dann auf die Bühne und treten gegeneinander an.

In einer Live-Abstimmung wird dann der Sieger gekürt. Dem Siegerteam winkt ein Scheck über – Achtung: $20.000!

Dieses Geld kann dann für einen Team-Event der Extraklasse verwendet werden.

Unsere Anspannung stieg ins Unermessliche und wir hielten das Warten kaum noch aus. Denn bis dato hatten wir nur im Verborgenen operiert, und nur wenige Personen außerhalb des Teams waren involviert.

Jetzt stand, es war inzwischen Anfang Dezember, das nächste Meeting für Deutschland, Österreich und die Schweiz an. Um nicht vor Anspannung zu platzen hatte ich darum gebeten, dass wir den Teilnehmern unseren Beitrag für die diesjährige Demo Challenge vorführen dürfen.

 

Gesagt, getan! Es war ein voller Erfolg!

 

Um ehrlich zu sein, waren wir alle ein wenig überrascht und überwältigt darüber, aber auch mächtig stolz.

Ich ließ mich in meiner Euphorie am Schluss der Vorführung zu folgendem Satz hinreißen:

 

„Ich garantiere euch, wenn wir damit auf die Bühne, sprich unter die letzten 3 kommen, dann gewinnen wir die diesjährige Challenge. Auf nach Vegas!“

 

Also flogen wir am Samstag der darauffolgenden Woche nach Las Vegas. Unsere Nerven waren zum Zerreißen gespannt, denn bisher hatte es noch nie so lange gedauert bis entschieden wurde, welche drei Teams die Bühne rocken durften.

Also mussten wir weiter warten. Denn das einzige, was wir mit Sicherheit wussten, war der Zeitpunkt der Demo Challenge: Dienstag Vormittag. Der Sonntag verging. Nichts. Gemeinsames Frühstück am Montag. Nichts.

Wir hatten die Hoffnung schon fast aufgegeben, doch dann erreichte mich am Montag Nachmittag die Nachricht, dass wir tatsächlich dabei sind. Wir sind eins von drei Teams, das auf die Bühne darf. Wir gehörten zu den besten Drei!

Ich trommelte das Team zusammen und verkündete voller Vorfreude und Stolz die tolle Botschaft: „Wir sind dabei!“

Der Tenor im Team war einstimmig: „Jetzt wollen wir das Ding auch gewinnen!“

 

Ganzkörper-Gänsehaut machte sich breit

 

In der Nacht von Montag auf Dienstag haben wir alle relativ wenig geschlafen. Zu viel Aufregung, zu viel Euphorie, zu viel Lampenfieber. Trotzdem waren wir alle am Dienstag Morgen rechtzeitig zur Stelle. Die Anspannung und Energie war bei allen deutlich zu spüren. Wir fühlten uns wie Rennpferde in ihrer Box kurz vor dem Start.

Es ging los! 2.500 Adobe-Mitarbeiter füllten die Halle. Voller Erwartung auf die nun folgenden Auftritte.

„Tief durchatmen, Jörg. Atmen! Und nicht so wackeln!“ sagte ich zu mir selbst. Denn meine Aufgabe bestand darin, den gesamten Wettbewerb per Video aufzuzeichnen.

 

Performance Team 1. Respekt, das war großes Kino. Das Publikum applaudiert. Meine Hände werden vor Aufregung schwitzig, wir müssen wieder warten. Denn wir sind erst als letztes dran. Und atmen nicht vergessen.

Performance Team 2. Wow, auch echt gut. Chapeau an das Team.

Jetzt sind wir dran. Endlich! Die Zeit des Wartens ist vorbei und plötzlich geht alles ganz schnell.

Wir haben einen guten Start und finden uns schnell in den jeweiligen Rollen zurecht. Läuft bei uns!

In den Gesichtern der anderen Teams zeigt sich Erstaunen und Überraschung. Mit so einer Performance hat keiner gerechnet! Ich musste an mein Versprechen denken und war mir plötzlich sicher: Wir gewinnen!

Es war der pure Wahnsinn. In dem Moment, in dem wir unsere Performance beendeten, brach in der Halle die Hölle los. Nicht einfach nur Applaus, sondern Standing Ovations und die Halle bebte unter dem tosenden Beifall der Anwesenden. Es war gigantisch und ein unvergessliches Erlebnis.

Ja, wir haben den Wettbewerb gewonnen.

Ja, wir haben den Scheck mitgenommen und einen super Teamevent damit ausgerichtet.

 

Mission completed!

 

Aber das Wichtigste für uns war, dass das Team im Laufe der Vorbereitung zu einer extrem eingeschworenen Einheit zusammen gewachsen ist. Uns konnte nichts mehr erschüttern.

Wir waren so eingespielt und bis in die Haarspitzen motiviert, dass unsere Produktivität als Team und Organisation in die Höhe schnellte. Es war für uns alle ein sehr erfolgreiches Jahr und wir haben es entsprechend gefeiert.

 

There is no I in TEAM

 

Das wichtigste Learning für uns alle war aber: There is no I im TEAM. Es braucht zwar manchmal einen Visionär, der an sich und seine Ideen glaubt und sie vorantreibt, erreicht wird das Ziel aber nur gemeinsam.

 

Motivation ist alles Joerg KnippschildÜber den Autor:

Seit mehr als 25 Jahren ist Jörg Knippschild in der Softwarebranche tätig. Und er ist nicht nur ein Visionär, sondern auch ein echter Neumacher. Er arbeitet ehrenamtlich als Mentor für das Manage & More Programm der UnternehmerTUM. Gleichzeitig engagiert er sich dort als Startup-Berater für junge Gründer.

Sein Motto: Mache dein Umfeld jeden Tag ein bisschen besser.

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Foto: Julia Margeth Theuer