„Baumeister seines Selbst sein“

 

Maria Montessori war in vielfacher Hinsicht eine Pionierin: sie studierte als erste Frau Italiens Medizin und promovierte sogar. In der Frauenbewegung machte sie sich einen Namen, und sie setzte sich für sozialen Fortschritt ein – ganz besonders an Schulen und Kindergärten.

 

Als sie als junge Ärztin in einer psychiatrischen Klinik in Rom mit geistig behinderten Kindern arbeitet, schlägt sie eine Brücke. Denn: sie beobachtet, dass nicht Medizin geistig behinderten Kindern hilft, sondern Pädagogik. Sie lernt und studiert sehr viel, konzipiert und probiert aus – und stellt fest, dass Kinder schnell lernen und sehr konzentriert arbeiten können. Voraussetzung: sie dürfen eigeninitiativ sein.

 

Als sie beobachtet, dass geistig behinderte Schüler bei Intelligenzprüfungen besser abschneiden als andere Schüler, folgert sie: die andere, von ihr erprobte, Methode muss auch für Gesunde gut sein. So entstand das Montessori-Konzept.

 

Hilf mir, es selbst zu tun.

 

Jeder Mensch, so Maria Montessori, hat von Anfang an einen Plan für seine persönliche Entwicklung in sich. Was er braucht, ist Hilfe zur Selbstentwicklung. Montessoris Grundsatz lautet folglich: „Hilf mir, es selbst zu tun.“ In konventionellen Schulen hat das leider recht wenig Platz.

 

Wie das in der Praxis aussieht und vor sich geht, das interessierte mich sehr. Wie gut, dass Anja Kiemle, Pädagogin an der Montessori Grundschule in Gilching, mir dazu Einblicke aus erster Hand gab.

 

Sie ist, wie bei Montessori üblich, eine von 3 Pädagog:innen, die eine Klasse betreuen. In diesem Dreierteam ist mindestens eine Person mit „klassischer“ Lehrerausbildung und trägt damit die Hauptverantwortung für die Klasse. Dennoch gilt: alle Pädagog:innen agieren auf einer Ebene und treten auch so auf. Ach ja, die gemeinsame Motivation, so verrät mir Anja, ist nach ihrer Beobachtung: die Welt verbessern für ein ausgeglichenes Gemeinwohl!

 

Jeweils zwei Pädagog:innen des Teams sind gleichzeitig anwesend während des Unterrichts. Falls man diesen überhaupt so nennen kann: denn die Montessori-Philosophie setzt auf Freiarbeit, und darauf, dass alle Kinder in ihrem eigenen Rhythmus das lernen, was ihnen gerade lernenswert erscheint. Sie entscheiden, wann, wie lange, mit welcher Methode und mit welchen Hilfsmitteln sie etwas Neues entdecken und verinnerlichen.

 

Selbst-verantwortlich

 

Die Kinder sind also selbst verantwortlich für ihren Erfolg. Sie folgen ihrem inneren Lebensplan und tun dies in ihrem eigenen Tempo. „Denn“, so Anja „es ist nicht wichtig, was man früher und was man später lernt.“ Das kann zur Folge haben, dass Schüler in der 3. Klasse noch nicht optimal lesen können.

 

„Und hier zeigt sich dann ein kleiner Nachteil des Systems“, gibt Anja zu. „Um selbst, zum Beispiel online, etwas recherchieren zu können, müssen die Kinder lesen können. Wir weichen deshalb hier hin und wieder vom Ursprungs-Konzept ab und ziehen oder schieben die Schüler:innen etwas vorwärts.“ Das ist auch deshalb notwendig, weil für den Übertritt in eine weiterführende Schule natürlich bestimmte Grundkenntnisse vorausgesetzt werden.

 

Das muss man aushalten können

 

Besonders Eltern, die selbst nur das offizielle Schulsystem kennen, tun sich mitunter schwer mit dieser gefühlten „Laissez-Faire“-Haltung. „Sie müssen es aushalten können, dass ihre Kinder an bestimmten Stellen nicht so weit sind wie die anderen“, betont Anja Kiemle. Gespräche mit Eltern sind deshalb von Anfang an sehr intensiv und finden regelmäßig statt.

 

Die Prämisse lautet, dass zu Beginn jedes Kind wahrgenommen wird, um zu erkennen, was da ist. Auf dieser Basis folgen alle weiteren Schritte.

 

Wir alle, egal ob Eltern, Erzieher:innen oder andere Kontaktpersonen, können Kindern auf Augenhöhe begegnen, sie ernst nehmen und sie so auf eine selbstorganisierte und ausgeglichene Welt vorbereiten.

 

Denn: die Welt braucht sie. Das wusste Maria Montessori.

 

Mehr zum „Alltag“ in einer Montessori-Schule und über die Art und Weise, wie Kinder zu Selbstverantwortung ermutigt werden – mit sichtbarem Erfolg – findest du in einem Kapitel des E-ssays „Selbstorganisation in Unternehmen“. Und ja: das gehört zusammen. Denn nur wenn junge Menschen lernen, selbstverantwortlich zu handeln, können sie das in Unternehmen auch wirklich tun. Schau hier:

 

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Diesen Artikel findest du in seiner vollständigen Version und mit allen "Geheimnissen" im E-ssay "Selbstorganisation in Unternehmen." Dort fügt Gabriele Feile zusammen, welche Voraussetzungen Selbstorganisation benötigt, und wie diese geschaffen werden können.

Über den Klub der Kommplizen:

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Über Gabriele Feile:

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