Einfach den richtigen Fokus setzen

 

Im Oktober 2016 war ich im Urlaub in Kalifornien. Und ein Besuch im Silicon Valley stand auf meiner Wunschliste. Enttäuschend waren die Hauptsitze von Apple und Facebook. Außer den Parkplätzen, den Pendler-Bussen und, im Falle von Apple, dem Shop, gab es nicht viel zu sehen. Wir konnten nur, wie jeden Tag wohl Tausende, uns vor dem Logo fotografieren. Bei Google in Mountain View waren wir immerhin auf dem Campus – das Visitor Center ist noch im Beta-Status und war für uns deshalb nicht zugänglich.

 

AppleHQ

GoogleHQ

FacebookHQ

GoogleAuto

 

 

LinkedIn lässt uns rein

 

Ganz anders beim direkten Nachbarn von Google: LinkedIn. Dank der tollen Kontakte unserer Gastgeberin Alexa, trafen wir uns dort zum Mittagessen mit der Österreicherin Elisabeth. Sie arbeitet im Localization-Team, sorgt also dafür, dass alle Inhalte, Anwendungen und Informationen von LinkedIn korrekt in die deutsche Sprache übersetzt und an die deutschsprachigen Märkte angepasst werden.

 

Nachdem wir uns angemeldet hatten und fotografiert wurden, konnten wir direkt in die offen gestaltete Kantine weitergehen. Mit der Anmeldung unterschrieben wir, dass wir keine Fotos machen werden – das ist der Grund, warum es hier keine vom „Innenleben“ gibt.

 

Überwältigend: Größe und Auswahl

 

Die Kantine kann man wirklich nicht also solche bezeichnen. Sie erstreckt sich über mehrere Räume und bietet mit 6 verschiedenen Stationen etwas für jeden Geschmack: Indisch, Aus dem Ofen, Vegetarisch, Grill, Asiatisch, Salate und Gemüse. Die Schlangen sind übersichtlich, die Mitarbeiter an den Stationen nett und alles ist frisch – aber unprätentiös. Und es schmeckte richtig gut.

 

Wir saßen auf einer Terrasse, auf die sich außer uns niemand hin verirrt hatte. Um dort hin zu kommen trugen wir unsere Tabletts durch ein paar Büros, die typisch amerikanisch mit Cubicles (mit Trennwänden geteilte Arbeitsplätze) ausgestattet waren. Draußen war es ruhig und gemütlich und wir erfuhren viel, auch dass LinkedIn bald nach Sunnyvale, etwas weiter im Süden des Tals umzieht, und Google dieses Gebäude zusätzlich zu denen in der Nachbarschaft nutzen wird.

 

Das alles kostet: nichts

 

Das Essen samt Getränken und Nachtisch (es gab zum Beispiel Frozen Joghurt zum Selberzapfen), ist für alle LinkedIn-Mitarbeiter kostenfrei – und auch für alle Gäste! Gut, im Silicon Valley ist das Standard, seit Google das eingeführt hat.

 

Dass es aber dennoch Unterschiede gibt, das erfuhren wir bei unseren nächsten Station: bei Netflix. Auch dort durften wir ins Gebäude, das sehr neu ist und ebenso ein cooles Mitarbeiter-Restaurant hat. Im Vorbeigehen nahmen wir uns Wasser aus einem Kühlschrank und Eis aus der Gefriertruhe – natürlich mit Erlaubnis!

 

Wir durften einen Kinosaal sehen, der für Meetings oder Vorstellungen genutzt wird und entdeckten, dass alle Meetingräume die Namen von Serien oder Filmen haben. Das passt ja. Das Büro des hiesigen Localization-Teams ist recht groß und typischerweise auch mit Cubicles ausgestattet. Es gibt aber Ausweichmöglichkeiten wie Sofas oder kleine Räume zum Telefonieren oder ruhigen Arbeiten.

 

Von einer Mitarbeiterin, die vorher bei LinkedIn gearbeitet hat, erfuhren wir das Wichtigste des gesamten Besuchs:

 

„The best lunch in Silicon Valley is served at LinkedIn!“

 

Sie erzählte, dass sie extra nochmals einen Mittagessen-Termin mit ihren ehemaligen Kollegen ausgemacht hat, bevor LinkedIn umzieht (und nicht mehr so gut zu erreichen ist). Denn nirgends ist das Essen so gut wie bei LinkedIn!

 

Essen ist mehr als Nahrungsaufnahme

 

Das Thema Essen ist nicht nur ein Grundbedürfnis, sondern für die meisten Menschen sehr wichtig für ihr Wohlgefühl. Es soll gesund und ausgewogen sein, keinen Stress verursachen und man soll es sich leisten können. Besonders wenn man jeden Tag hart arbeitet. Wer gut isst, hat mehr Energie und ist produktiver und konzentrierter. Weil man nicht ständig darüber nachdenken muss, was, wie, wo und mit wem man zu welchem Preis isst.

 

Überall, wo ich bisher gearbeitet habe, war das tägliche Mittagessen ein großes Thema. Wenn es eine Kantine gab, ging es um die Qualität, das Angebot und die Preise. Gab es keine Kantine, war die Frage „Was esse ich heute?“ eine, die man sich schon in der Früh stellte. Gefolgt von: „Wo kriege ich das her?“

 

linkedin

So einfach ist Personalmarketing

 

Wenn wir also wissen, dass Essen für Menschen so einen hohen Stellenwert hat, warum nutzen wir es nicht als echten Vorteil für Mitarbeiter? Anstatt sich ständig neue „Benefits“ und Anreize auszudenken, die immer nur wenigen was nützen und schnell verpuffen, machen wir doch einfach diese eine Sache für alle so richtig prächtig. Und sparen uns den Aufwand und das Geld für all die anderen mittelprächtigen Dinge.

 

Wie das Beispiel LinkedIn zeigt, sprechen selbst ehemalige Mitarbeiter noch von der tollen Kantine und tun alles, um in den Genuss des Essens dort zu kommen. Gäste erzählen ihren Familien und Freunden (oder ihren Lesern – so wie ich) davon. Eine bessere Mundpropaganda kann man sich doch gar nicht wünschen! LinkedIn macht also Personalmarketing – ganz einfach (und vielleicht nicht einmal bewusst).

 

Wenn man Mitarbeitern die Möglichkeit gibt, Externe zum Essen einzuladen, potenziert sich der Effekt ohne großen Aufwand. Holen wir uns also mögliche neue Mitarbeiter ins Haus! Und wenn sie schon mal da sind, können wir uns von unserer besten Seite zeigen.

 

Aktualisierung 22. November 2016:

Microsoft macht es auch

 

Gestern habe ich zusammen mit einer Bekannten die neue Deutschlandzentrale von Microsoft in München besucht. Zur Eröffnung im September hatte sich die Presse „überschlagen“, weil dort das Arbeiten komplett anders abläuft als woanders. Na ja, im Prinzip so wie im Silicon Valley, nur öffentlicher. Wir durften nämlich ins Gebäude und uns im Atrium frei bewegen.

 

Dort befindet sich das Restaurant, das von einem externen Partner betrieben wird. Es ist hell, großzügig und überraschend übersichtlich. Alle Speisen haben zwei Preise: einen günstigeren für Mitarbeiter, einen etwas höheren für Gäste, die ab 13 Uhr Zugang haben. Der zweite Preis ist immer noch absolut im Rahmen.

 

Microsoft Restaurant

 

Gegenüber gibt es ein Café, die Digital Eatery, wo Mitarbeiter und Gäste essen, trinken und sich über die Produkte von Microsoft informieren können. Am Empfang hatte man uns dafür zwei Gutscheine für ein Kaffegetränk geschenkt. Wir hatten Glück, es gab gerade frischen Apfelstrudel mit Vanillesoße.

 

Microsoft Digital Eatery München

 

Und während des Genusses desselben erfuhr ich von einem anderen Konzept, das in München erfolgreich funktioniert. Die Mitarbeiter des Botanischen Gartens in München dürfen kostenlos in der Kantine der Klinik „Dritter Orden“ essen. Dafür dürfen die Mitarbeiter von dort den Botanischen Garten kostenfrei benutzen, z.B. in der Mittagspause. Beides liegt nämlich direkt gegenüber voneinander. So einfach geht #allegewinnen!

 

Natürlich reicht es nicht aus, nur eine tolle Kantine zu haben, um ein guter Arbeitgeber zu sein. Alles außerhalb des Restaurants sollte schon auch den Ansprüchen von Menschen entsprechen. Mit dem Thema Essen anzufangen, macht aber mehr Spaß und trägt mit überschaubarem Aufwand zu einem hohen Nutzen bei. Herr Pareto* wäre stolz!

*Paretoprinzip: benannt nach Vilfredo Pareto (1848–1923), auch 80-zu-20-Regel, besagt, dass 80 % der Ergebnisse mit 20 % des Gesamtaufwandes erreicht werden (Wikipedia).

 

Für die Nörgler

 

Ja, ja, ich höre schon die Einwände:

  • Aber wir als kleine Firma können doch keine Kantine einrichten.
  • Wir haben keinen Platz und auch kein Geld dafür.
  • Die Vorschriften sind viel zu umfangreich.
  • Das lohnt sich doch überhaupt nicht.
  • Und außerdem haben wir was anderes zu tun.

 

Wenn man von der klassischen Kantine ausgeht, wie man sie von großen Unternehmen kennt, kann das alles richtig sein. Zum Glück kann man es aber auch anders machen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, das Bedürfnis nach gutem und gesundem Essen am Arbeitsplatz für Mitarbeiter zu decken.

 

Gemeinsam geht’s leichter

 

Ein Ansatz kann sein, einfach mal die anderen Unternehmen im Gebäude oder in der Nachbarschaft zu besuchen und mit ihnen, ganz locker, über dieses Thema sprechen. Tut euch doch zusammen und entwickelt ein Konzept, das für alle positiv ist! Denn essen müssen und wollen wir alle, egal wo wir arbeiten.

 

Und du?

 

Was denkst du ganz persönlich über diesen Ansatz? Wie sind deine Erfahrungen mit dem Essen am Arbeitsplatz? Was wünschst du dir?

fragt dich deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Wer jetzt Hunger hat, der versteht am besten, warum ich dieses Thema für so wichtig halte.

 

Titelfoto: unsplash.com

Alle anderen Fotos: Gaby Feile

 

Über die Kommplizin:

Gaby Feile liebt einfache Ideen mit großer Wirkung. Und kommt deshalb häufig mit bodenständigen Vorschlägen daher. Genau wie ihr Kommplizen.

Mehr über Gaby Feile

 

 

 

Teile diesen Beitrag, wenn ihn andere unbedingt kennen sollten: