Oder: Warum Spaß und Arbeit doch zusammen gehen

 

Was macht man, wenn man im Posteingang eine solche Nachricht findet:

 

„Ich liebe es, dass Ihr den Menschen in den Mittelpunkt stellt. Mir wurde einst gesagt, meine größte Schwäche sei mein Idealismus. Meine Unnachgiebigkeit, daran zu glauben, dass Arbeitskultur so viel besser sein könnte und damit das Leben so vieler Menschen inspirierender werden könnte. Ich war immer ein bunter Hund in meiner Organisation. Euer Kommplizentum sieht nach einer super Passung für mich aus. Ich schätze Euren Tatendrang und Eure hohen und verantwortungsvollen Ziele.

Der Funke ist übergesprungen, als ich Euer Profil durchgestöbert habe. Jetzt will ich brennen! Macht weiter so, mit mir oder ohne mich. Eure Stefanie Frieß, Kommplizin im Herzen“

 

Natürlich antwortet man sofort und lernt die Absenderin persönlich kennen. Auch beim Skypen ist der Funke übergesprungen, denn Steffi hat sehr viel zu erzählen – so viel, dass wir uns einige Zeit später zum Kaffee trafen. Ich wollte nämlich unbedingt mehr darüber erfahren, wie Steffi mit ihrem Team bei den „drei Streifen“ in Herzogenaurach für Furore gesorgt hat. Und warum das nicht alle so amüsant fanden.

 

Aber von vorne:

Steffi arbeitete als Director Running bei adidas in Herzogenaurach und führte ein Team mit 8 Mitarbeitern. Neben Women’s Footwear war sie unter anderem für ein Produkt verantwortlich, das im Konzern wenig Beachtung fand: kaum Sexappeal, kein Budget für Werbung und irgendwie lästig. Dennoch kennt das Produkt jeder. Es geht um die Adiletten!

 

 

Diese bequemen „Schlappen“ wurden und werden weltweit millionenfach verkauft. Besonders in USA sind die Schuhe beliebt. Die Händler, die adidas dort belieferte, spielten eine wichtige Rolle für das Team von Steffi, es waren ihre Kunden. „Wir trafen sie regelmäßig und hörten ganz genau hin, was sie uns sagten und fragten immer wieder nach, um zu verstehen, was sie brauchten.“

 

Ein Wunsch, der häufig genannt wurde war: „Der Schuh muss komfortabel sein.“ Also stellte Steffi ihrem Team die folgende Aufgabe: „Wie schaffen wir es, dass man mit diesen Schuhen wie auf Wolken geht?“

 

Spiel, Spaß und Spannung

 

Das Team war „angezündet“, die Designer und die Developer an Bord, und alle legten zusammen los. Sie fingen an, mehrere Fußbetten zu entwickeln, und zwar einfach so, völlig ohne Budget, ohne zusätzliche Unterstützung und ganz ohne Innovations-Entwicklungsabteilung.

 

Steffi erklärt: „Innovationsabteilungen setzen sich ein fixes Ziel und entwickeln dann auf dieses Ziel hin. Wir haben es genau andersherum gemacht. So wie Kinder haben wir mit Knetmasse ausprobiert, was man machen kann. Mit Kleber, Schere, Stoff, Papier und einer mächtigen Portion Neugier und Tatendrang.“

 

Denn damit die technischen Zeichner in Asien verstanden, was sie einmal herstellen sollten, brauchten sie ein Modell. Und das ließ sich mit Knetmasse und Co. ganz einfach und günstig herstellen.

 

Anders als im adidas Innovation Team, wo natürlich alles immer „top-secret“ sein muss, hat Steffis Team ganz offen an seinen Ideen gearbeitet. Völlig ohne fachliche Unterstützung ging es jedoch nicht, und so haben sie sich Mitstreiter gesucht, die sie von ihren Ideen begeistert haben.

 

Damit schafften sie es zum Beispiel, das Labor oder die Kühlkammer von anderen Abteilungen zu nutzen. Oder sie machten Creative-Workshops mit BASF, bei denen sie auch in deren Mülleimer stöberten, um Anregungen für krasse Ideen zu finden und um mit einem Material zu experimentieren, das später von der Innovations-Abteilung zu „Boost“ perfektioniert wurde.

 

Nicht alle waren gleichermaßen begeistert, wie Steffi erzählt: „Kreative Veränderungen der Prozesse und der Arbeitshaltung bringen für das Umfeld stets mehr Aufwand und Unsicherheit. Natürlich kam immer wieder die Aussage: das geht nicht. Das können wir so nicht am Schuh umsetzen. Meine Antwort darauf war einfach: Wenn du mit 100 %-iger Sicherheit sagen kannst, dass es nicht geht, hören wir sofort auf. Bis dahin probieren wir es.“ Und sie probierten es.

 

OMG – es funktioniert!

 

Der Erfindergeist, die Begeisterung und das Teamwork zahlten sich aus: Denn irgendwann hatten sie ein Fußbett geschaffen, auf dem man wie auf Wolken ging – so weich war es.

 

Die globale Marketing-Veranstaltung, bei der alle neuen Kollektionen gezeigt wurden, war der genau passende Rahmen, um das Fußbett zu präsentieren. „Interessiert hat sich allerdings keiner dafür“, so Steffi. „Wir hatten den letzten Zeitslot am Ende des Tages, als alle schon 8 Stunden Produkt-Präsentationen hinter sich hatten. Also war klar, dass wir uns was Besonderes ausdenken mussten.“ Und das taten sie:

 

Die OMG-Kampagne

 

Schon vor dem Auftritt war OMG (Oh mein Gott) in fast aller Munde. „Oh mein Gott, das ist so weich.“ wurde zur Aussage des Tages. Um alle ins Bild zu bringen, wurde eine Fernsehshow gezeigt mit dem Aufhänger: OMG, es gibt eine neue Entwicklung!

 

„Budget gab es keines, also improvisierten wir wieder mal“, kommt Steffi noch heute ins Schwärmen.

 

Der Fernseher wurde aus Karton gebastelt, als Mikrofon musste ein Puschel über einem Stab herhalten, per Fön wurde Wind simuliert und es gab sogar eine Schalte zum Außenreporter in die Karibik. „Ich war die Moderatorin und bekam mitten in der Show einen noch heute legendären Lachanfall. Es sah aber auch zu lustig aus, wie wir alle todernst die Sendung produzierten. So eine old-school slap-stick-analoge Nummer in einem höchst innovativen, digitalisierten Präsentations-Umfeld war ausgesprochen unerwartet, ich könnte auch sagen disruptive…“

 

Auch den 150 Zuschauern gefiel es, mehr noch: die Präsentation des Fußbettes war für viele der Höhepunkt des Tages. „Alle sprachen über uns und im ganzen Unternehmen kannte man nun uns und das Fußbett.“

 

Die Folgen blieben nicht aus: millionenfach wurden die Schlappen mit dem superweichen Fußbett verkauft, sogar so viele, dass die Produktionskapazitäten vorübergehend nicht ausreichten. Steffi erklärt: „Ich hatte vorab das Risiko übernommen, für den Fall, dass etwas schiefgeht und wir nicht liefern können. Doch alles ging letztendlich gut. Unser Mut und die gute Arbeit wurden belohnt.“

 

Sie fügt hinzu: „Glücklicherweise hatte ich viele Jahre Vorgesetzte, die mir die Freiheit ließen, auch weniger traditionelle Methoden umzusetzen. Sogar unser CMO drückte ab und zu ein Auge zu und ließ sich von der einen oder anderen Idee begeistern. Inzwischen gibt es bei adidas spezielle Werkstätten, in denen mehrere Teams so frei, kreativ und unkonventionell arbeiten können, wie wir es getan haben. Das freut mich natürlich ungemein!“

 

Menschenliebhaberin mit Führungskraft

 

Um solche Aktionen zu stemmen, braucht man Menschen, die daran glauben und mitmachen. Das klappt am besten, wenn man vorangeht und sie führt. Wird Steffi gefragt, was ihr Leadership-Tipp ist, sagt sie: „Es gibt keinen. Jeder Mensch ist ein Individuum und als solches behandle ich ihn. Das geht natürlich nur, wenn man ein Menschenliebhaber ist und sein Team sehr gut kennt.“

 

Steffis MitarbeiterInnen sind ihr gerne gefolgt, wie abgefahren ihre Vorschläge auch waren. „Sie verließen ihre Komfortzone“, erzählt Steffi, „denn sie fühlten sich sicher. „Morgens haben wir oft kleine 5-Minuten Spiele gemacht, um den Tag locker zu starten und den Energie-Level auf Hochtouren zu bringen. Es kam öfters vor, dass diese sich verselbständigt haben und den ganzen Tag oder auch später unerwartet wieder auftauchten.“

 

Der Impuls hierfür kam übrigens meistens aus dem Team selbst. Später erst sollte Steffi in Stuart Browns Buch „Play“ genauer herausfinden, wie genial und wichtig Spielen fürs Hirn ist.

 

Steffi ergänzt: „Andere Abteilungen fanden vieles bei uns irritierend, weil wir so viel gelacht haben! Doch wir haben vieles richtig gemacht, denn wir hatten Spaß am Zusammensein und teilten den tiefen Glauben, dass man bei Zielerreichung und Performance auf höchstem Niveau auch noch Spaß an der Arbeit und an den Menschen haben kann.“

 

„Leistung geht auch ohne Burnout.“ Steffi Frieß

 

Gebrauchsanweisung für kreative Teams

 

Als Director war Steffi in der günstigen Situation, die KPIs (Key Performance Indicators, also Ziele) für ihr Team mitzubestimmen. Sie hat darauf geachtet, dass menschliche Faktoren berücksichtigt wurden, auch wenn das bedeutete, das ein oder andere Unternehmens-KPI weniger zu priorisieren. Und wenn jemand das kritisiert hat, war ihre Antwort: „Ich ändere das gerne, wenn mir jemand schlüssig erklären kann, wofür und für wen es wesentlicher ist, und wie es zu mehr Mitarbeiter-Engagement und besseren Ergebnissen führen kann.’’

 

Sich gut zu kennen, so Steffi, ist enorm wichtig, wenn man andere führen will. Sie selbst hat zum Beispiel einen starken analytischen Teil und gleichzeitig ist ihre Kreativität stark ausgeprägt. „Nicht alle kamen immer mit diesen Gegensätzen zurecht. Deshalb gab ich jedem Teammitglied gleich am Anfang eine Gebrauchsanweisung von mir selbst. Das hat ihnen geholfen, mich besser einzuschätzen. Und auch ich habe dadurch immer mehr über mich selbst gelernt. Mit der Zeit und vor allem durch viele Fehler wurde ich souveräner und mutiger und wusste genau, für welche Arbeitskultur ich stehen will.“

 

Einfach dafür gemacht

 

Steffi wirkt noch immer verwundert, als sie sagt: „Für mich war das alles nie etwas Besonderes. Ich dachte lange, das machen alle so, die in einer Führungsposition sind.“ Sie ist halt einfach dafür gemacht.

 

Ein großes Geltungsbedürfnis hat Steffi nicht, dafür aber enorm viel Führungskraft. Das spüre ich, als sie mir am Ende die Fragen stellt: „Was ist ein gutes Leben? Und welche Rolle hat dabei die Arbeitskultur?“

 

Was ist denn deine Antwort darauf?

– interessiert deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Über die TV-Show wird heute noch gesprochen an vielen Ecken und Enden des Unternehmens. Und das so einfach entwickelte Fußbett wurde übernommen und ist heute in vielen Schuhen von adidas zu finden.

 

 Titelfoto: Gaby Feile, Foto Schuhe: pixabay.com

 

Über Steffi Frieß:

Steffi bezeichnet sich als typisch deutsch: pünktlich, zuverlässig und direkt. Anders als viele Deutsche glaubt sie jedoch, dass Arbeit und Spaß sehr wohl zusammen gehen und bewies es immer wieder während ihrer 17 Jahre bei adidas. Vor kurzem hat sie sich vom Curriculum Systemischer Organisation – Entwicklung mit Kulturentwicklung neu inspirieren lassen. Sie berät inzwischen mit ihrer Beratung Mut&Machen Unternehmen, die mutig genug sind, sich in den Themen wie Arbeitskultur, Leadership und Team Performance neu aufzustellen und für positive Furore zu sorgen.

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Über den Klub der Kommplizen:

So wie in der Nationalmannschaft, kommen im Klub der Kommplizen begabte Macherinnen & Macher aus verschiedenen Unternehmen zusammen. Ihre Mission: Unternehmen zu Lieblingsplätzen für alle zu machen.

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