Arbeiten ist Leben

Von Menschen, Ressourcen und eventuellen Unterschieden

 

 

 

Julia arbeitet bei einem Automobilzulieferer – im Marketing. Nach ihrer Ausbildung, an die sie ein berufsbegleitendes Studium hängte, bekam sie zunächst eine Stelle als Marketingkoordinatorin. Nach fast zwei Jahren folgte die Beförderung zum Junior Marketing Manager. Ehrlich gesagt, änderte sich außer dem Titel nicht viel. Sie war weiterhin diejenige im Team mit der kürzesten Erfahrung und hatte maximal hin und wieder Unterstützung durch einen Praktikanten. Wenigstens wurde das Gehalt mit der Beförderung ein bisschen nach oben angepasst.

 

Fast ein Jahr ist das schon wieder her und irgendwie fühlt sich Julia in ihrem Job immer unwohler. Die Aufgaben wiederholen sich, es geht jedes Jahr um dieselben Themen: Messen, Zertifizierungen und hin und wieder mal eine neue Broschüre. Nicht mal Azubis verirren sich zu ihr, und sie fragt sich wozu sie eigentlich den Ausbilderschein gemacht hat. Wie gerne hätte sie an der neuen Website mitgearbeitet und ein bisschen was zum Thema Employer Branding gelernt. „Das gehört nicht zu Ihrer Stellenbeschreibung“, wiegelte ihr Chef das ab.

 

Erfolgreiche Bewerbung

 

An einem Montag, alle Kollegen sind in irgendwelchen Meetings, surft Julia im Internet und entdeckt eine Stellenanzeige, die wie für sie gemacht scheint. Eine mittelgroße Kommunikationsberatung sucht jemanden für die Personalabteilung mit Schwerpunkt Arbeitgebermarketing und Recruiting. „Bingo!“ freut sich Julia, „Das ist ein Wink des Schicksals.“ Während ihrer Ausbildung hatte sie sich in der Personalabteilung am wohlsten gefühlt und konnte sogar bei der Auswahl von neuen Mitarbeitern mitwirken.

 

Am Abend schreibt sie eine Bewerbung und läuft zu Höchstleistungen auf. „Wenn sie das nicht überzeugt“, denkt sich Julia „dann haben sie mich eh nicht verdient.“ Kurzum: Die Bewerbung überzeugt. Eine Woche später kommt der Anruf mit einer Einladung zum Gespräch.

 

Nach diesem Treffen ist sich Julia noch mehr sicher, dass sie ihren Traumjob gefunden hat. Die Mitarbeiter, die sie kennen lernt sind alle sehr sympathisch, das Gespräch läuft sehr persönlich ab und selbst die kleine Aufgabe, die man ihr gibt, löst sie leicht und mit Bravour. Es gibt einen zweiten Termin, sie lernt den Geschäftsführer kennen, und zwei Tage später kommt der Anruf: Ja, wir wollen Sie!

 

Euphorische Begrüßung

 

Drei Monate später beginnt Julia ihren neuen Job. Ihre Vorgängerin erwartet sie, auf dem Schreibtisch steht ein Blumenstrauß und ihr Einarbeitungsplan ist hochprofessionell ausgearbeitet. Die Aufregung vor dem Neuen legt sich spätestens beim Mittagessen mit den Teamkollegen. Sie lernt nach und nach alle Mitarbeiter kennen, übernimmt schnell selbständig neue Aufgaben und als ihre Vorgängerin sich nach 4 Wochen verabschiedet, fühlt sie sich sicher und gut vorbereitet.

 

Viele Ideen hat sie sich während der Einarbeitung aufgeschrieben und sich fest vorgenommen, diese sukzessive umzusetzen. Sie ist sicher, dass das klappt.

 

Erschreckende Realität

 

Wie so oft, kommt es anders als gedacht. Als Julia ein paar Wochen später ins Büro kommt, erzählt ihr die Kollegin, dass heute zwei Berater gekündigt haben. Beide sind schon eine Weile dabei und keiner hätte gedacht, dass sie gehen würden. Die Stimmung ist entsprechend schlecht. Kurz darauf kommt die Abteilungsleiterin, Margit, vorbei, völlig aufgeregt und ziemlich rüde wirft sie in Julias Richtung „Wir brauchen dringend zwei neue Ressourcen!“

 

Julia reagiert erst gar nicht, weil sie sich nicht angesprochen fühlt. Erst als Margit sich direkt neben sie stellt und ihr eine Liste mit den Namen von Unternehmen vor die Nase hält, kapiert sie, dass sie gemeint ist. „Hier hast du ein paar Unternehmen, in denen passende Berater arbeiten, die wir abwerben könnten. Kannst du die auf XING mal anschreiben?

 

Völlig verwirrt schaut Julia Margit nach, die schon in Richtung Tür verschwindet und noch kurz ein „Melde dich, wenn du so weit bist!“ da lässt.

 

„Was war das denn jetzt?“ fragt Julia in die Runde ihrer Kollegen, die völlig ungerührt in ihre Bildschirme schauen.“ Erst als sie aufspringt und lauter wird, reagieren sie.

 

„Ach das, ja die ist immer so: busy und fordernd. Nimm’s nicht persönlich!“ empfiehlt ihr ihre Teamleiterin Steffi. „Am besten versuchst du, ihr den Wind aus den Segeln zu nehmen. Die hat jetzt einfach Panik, dass ihr die Felle davon schwimmen. Was genau wollte sie denn von dir?“

 

„Na ja, sie will, dass ich die Leute hier auf XING anschreibe. Dabei haben wir noch nicht mal darüber gesprochen, ob und wie die Stellen besetzt werden sollen. Ich finde das, ehrlich gesagt, sehr unhöflich und auch unprofessionell. Als ob man Mitarbeiter mal schnell bei Amazon bestellen könnte! „Ressourcen“ nennt sie sie. Beim nächsten Mal werde ich ihr sagen, dass wir hier mit Menschen arbeiten. So! Und jetzt gehe ich einen Kaffee holen, wer geht mit?“

 

Fehlende Führung

 

Am Nachmittag sitzt Julia neben Steffi im Büro des Geschäftsführers. Die Kündigungen sind Gesprächsthema Nummer 1. Es wird deutlich, dass man es persönlich nimmt, wenn Mitarbeiter sich entscheiden, woanders arbeiten zu wollen. Doch statt mal zu fragen, woran es liegt und wie man das vermeiden könnte, heißt es nur: „Findet so schnell wie möglich Ersatz, zur Not nehmen wir Trainees. Das hilft auch den Personalkosten.“

 

Im Laufe der Besprechung wird noch kurz das Weiterbildungsbudget angesprochen. Ein Führungstraining ist angedacht für diejenigen, die seit kurzem eine Führungsposition haben. Es fallen Sätze wie „Dann geben wir ihnen mal ein Goodie, damit sie motiviert bleiben.“

 

Schwieriges Unterfangen

 

Die Suche nach Beratern läuft schleppend. Von der Abteilungsleiterin Margit bekommt Julia außer Druck keine Unterstützung. Sie reagiert weder auf ihre Bitte, über das Profil zu sprechen noch auf die Info, dass sich einer der auf XING Angesprochenen für die Stelle interessiert und Fragen zum Job hat. Alle anderen, die Julia angeschrieben hat, melden sich gar nicht oder sagen ab. Bewerbungen gehen tröpfchenweise ein, doch Margit gibt kein Feedback dazu.

 

Mangelndes Verständnis

 

Der Geschäftsführer will natürlich wissen, wie der Stand der Dinge ist. Julia erzählt offen, wie es aussieht und schlägt vor: „Wir könnten uns doch mal anschauen, welche Aufgaben tatsächlich zu verteilen sind und uns überlegen, ob wir das auch auf andere Art und Weise machen könnten. Vieles, was die Berater machen, hat nicht unbedingt etwas mit ihrem Spezialgebiet zu tun. Wie wäre es, wenn wir die Aufgaben straffen und für die Administration zum Beispiel Teamassistenten einstellen? Es gibt viele Bürokaufleute, die so einen Job gerne machen würden.“

 

Der Geschäftsführer schnaubt und presst hervor: „Das geht nicht, weil wir den Kunden das nicht verkaufen können!“

 

Julia versteht nicht, was es die Kunden angeht, wie sie intern die Aufgaben verteilen. Für die Kunden ist es doch wichtig, dass sie einen guten Service bekommen und nicht, wer diesen Service liefert. Sie ist sehr verunsichert und hat keine richtige Lust mehr, weiter Kandidaten zu suchen.

 

Günstiges Einkaufen

 

Nach 8 Wochen erfährt sie schließlich, dass eine junge Mitarbeiterin befördert werden und die Aufgaben von zumindest einem der Berater übernehmen soll. Den Rest wird ein Trainee übernehmen. Sie macht daraufhin einem Bewerber ein Angebot für eine Traineestelle. Dieser freut sich, will aber etwas mehr Gehalt bekommen. Sie fragt also bei Margit nach, ob sie 100 Euro mehr pro Monat anbieten kann. Diese verdreht die Augen und sagt schließlich: „Na gut, gib sie ihm. Aber nicht mehr als 100 Euro. Denn du weißt ja: im Einkauf macht man den Gewinn!

 

Julia ist so perplex, dass sie sich ohne ein Wort umdreht. Zurück an ihrem Platz hat sie sich so weit gefangen, dass sie dem Bewerber mit guter Laune das neue Angebot machen kann. Dieser sagt zu und startet schon am nächsten Ersten.

 

Kommplizen-Box für dich

 

Brodelnde Stimmung

 

Die Monate ziehen ins Land und Julia erlebt immer wieder ähnliche Situationen:

 

Maulende Kollegen, die sich beschweren, weil sie so viel Arbeit haben.

Nervende Meetings, in denen es hauptsächlich um Personalkosten geht.

Blockieren von neuen Vorschlägen und kritisieren von neuen Wegen.

Augenrollen, wenn sie Kollegen bittet, ihr Netzwerk anzuzapfen, um neue Mitarbeiter zu finden.

Fehlende Unterstützung des Führungsteams, um nicht zu sagen Unfähigkeit.

Rausgeschmissenes Geld für Führungstrainings und Events, die nichts, aber auch gar nichts bringen.

Auf der anderen Seite Mini-Budgets, mit denen man nicht mal ordentliche Anzeigen schalten kann.

Frust, Verärgerung und Wut bei ihr selbst!

 

Am demütigendsten findet sie es, dass man ihre Ideen nicht mal wertschätzt. Sie werden einfach abgeblockt. Gut, dass sie nebenbei noch einen Blog schreibt und im Sportverein aktiv ist. So kann sie wenigstens dort kreativ sein!

 

Jetzt macht sie aber erst mal 3 Wochen Urlaub und genießt die Sonne Thailands. Danach wird es hoffentlich besser.

 

 

Arbeiten ist Leben.Und muss nicht weh tun

 

Mutiger Schritt

 

Während ihres Urlaubs kann Julia sehr gut abschalten. Und im Flugzeug auf dem Weg zurück trifft sie eine Entscheidung. Ihren Freund weiht sie erst danach ein. Er ist erstaunt, steht aber voll und ganz hinter ihr.

 

Als sie zwei Tage später wieder mit ihrer Chefin beim Geschäftsführer sitzt, ist sie innerlich ganz ruhig. Gegen Ende der Besprechung klopft ihr Herz dann doch schneller, aber sie ist mutig und sagt:

 

„Ich möchte euch gerne etwas mitteilen. Ich habe erkannt, dass die Zeit, die ich bei meiner Arbeit verbringe, Lebenszeit ist. Deshalb will ich sie so nutzen, dass sie zu einem guten Leben beiträgt. Das ist aber im Moment überhaupt nicht der Fall.

 

Ich habe das Gefühl, gegen Windmühlen zu kämpfen, die Unterstützung, die ich bekomme, lässt zu wünschen übrig, und all das, was ihr mir im Vorstellungsgespräch versprochen habt, ist niemals eingetroffen.

 

Weder kann ich kreativ an unserer Arbeitgebermarke mitarbeiten, noch werden meine Ideen unterstützt. Ich mache den ganzen Tag nichts anderes als Bewerber zu vertrösten, Teamleiter zu pushen und mich selbst zu rechtfertigen. Dabei mache ich einen Bombenjob mit wenig Budget und bin bereit, noch mehr zu leisten! Aber nicht so!

 

Kurz muss sie Luft holen und merkt dabei, dass sie aufgesprungen war und die beiden anderen mit erstarrten Gesichtern zu ihr aufsehen. Sie setzt sich wieder und fährt etwas gemäßigter fort:

 

„Ich werde nicht kündigen, keine Sorge. Aber ich will in den nächsten 7 Tagen ein offenes Gespräch mit euch mit konkreten Vereinbarungen. Und ich verspreche euch schon heute: Wenn ihr mich endlich aus meiner Box rauslasst, mir vertraut und mir den Freiraum gebt, den ich brauche, werdet ihr von mir Ergebnisse bekommen, von denen ihr nur träumen könnt! Abgemacht?“


Und jetzt du:

 

Welche Bedingungen würdest du stellen, wenn du Julia wärst?

Wie muss der Job aussehen, der deine Arbeitszeit zu echter Lebenszeit macht?

Was muss ein Arbeitgeber bieten, um ein Lieblingsplatz für dich zu sein?

Wie organisierst du deine neuen Aufgaben und welche Lösungen kannst du für Hindernisse liefern?

Was ist das alles wert – das heißt: was ist der Preis, den du dafür erhältst?

 

Es lohnt sich, darüber nachzudenken! Und vergiss nicht: Denken ist unfruchtbar. Nur Machen ändert etwas.

 

Das weiß aus eigener Erfahrung

deine Kommplizin Gaby Feile

 

PS: Sei ehrlich: Machen ein neues Laptop oder der Besuch eines Seminars dein Leben wirklich besser?

 

Über die Autorin:

Gaby Feile und ihre Kommplizen finden, dass sich Arbeiten wie Leben anfühlen soll. Sie machen Unternehmen zu Lieblingsplätzen für alle. Weil es Zeit dafür ist.

Mehr über Gaby Feile

 

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